Einbildungszeit   ≠   Wahrnehmungszeit, Kunst synchronisiert ≠

Einbildungszeit®

Der Begriff Einbildungszeit® definiert jene Spanne, in der sich etwas einbildet —Existenz erlangt— und versus. In anderen Worten ist Einbildungszeit jene Dauer, in der Einbildungskraft (die Kraft, mit der sich etwas einbildet, Immanuel Kant) wirkt.

Die zeitliche Verortung des Terminus Einbildungskraft ist zwingend notwendig. Sie trägt dem Umstand Rechnung, daß jede Messung, daß jedes Erfassen von etwas —und etwas ist immer, daran zweifle ich nicht— sich ganz unweigerlich und selbst innerhalb einer Zeitspanne vollzieht (Husserl, Bergson, Ricœur, Heidegger), d.h. in Wahrnehmungszeit dauert.

Blanke, glänzende Zeit.

Hiermit ist nicht gesagt, die brillante Beweisführung, die besagt: ‘Raum und Zeit seien und sind bloße Formen der Anschauung’ sei hinfällig. Ganz im Gegenteil. Jener mathematische Grundzug in der und in die Welt bloßen Denkens ist und bleibt ganz gleichberechtigt erhalten. Er ist als eine Möglichkeit unseres Denkens, unverzichtbarer Pol, radikale Möglichkeit eben dieses. Zeit als eigene Erscheinung, die auf mich zukommen könnte und der ich bei hinreichender Annäherung die Hand schütteln könnte, gibt es nicht. Zu beobachten ist lediglich die Veränderung von Zusammenhängen von Einbildung. Zu dieser gehört immer auch das ‘zeitneutrale’, das plötzlich Erscheinende abstrakten Erkennens.

Zeitneutral erster Anlauf.

Die Schwierigkeit besteht einzig darin, über angenommene zeitneutrale Zugriffe —das sind solche, die sich in der Vorstellung von Zeitstellen bewegen, die in sich stetig teilbar keine andere als virtuelle Annahme von Extension haben— läßt sich ein schlüssiger, restlos überzeugender und annehmbarer Pfad in das volle Bewußtsein von Dauer und von Kontinuität weder folgern, noch abzweigen, noch konstruieren, wenn dieses Bewußtsein eines Ganzen zudem in Auffassungen von wertvoll, von einmalig klingen soll.

Reicht es hier zu sagen, jede Form greifbarer Existenz ist in sich Teilung? Von dort ausgehend, worin gründet das Unverwüstliche einer Vorstellung von Einheit, die wir ja auch empfinden können. Ich kann den blühenden Baum mir gegenüber distanziert betrachten. Ich kann dessen Blätter beziffern. Es braucht hierzu nur etwas Ruhe und Zählvermögen. 1—2—3—∞. Das ist nichts Besonderes. Ansätze eines Zählvermögens sollen bereits Eidechsen besitzen. Gleichzeitig ist jener Baum ganz offen und selbstverständlich mit mir, wie ich mit ihm. Wie könnte ich anders, ihn ganz entspannt betrachtend, ihn mit mir sein lassen? Müßte mich Verzweiflung nicht geradezu anspringen? Hilfe, wo bin ich? Mindestens sperrangelweit offen ist hier:

Abstraktion ≠ Orientierung.

Ich kann mich z.B. in einem kubistischen Bild orientieren, ohne daß ich von etwas, auch als ‘realistisch’ gegebenem —und sei es eine Vorstellung, die mein Sehen begleiten würde— abstrahieren müßte.

Zeitneutral zweiter Anlauf.

Zeitpunkte, die nie Teil einer Linie sind. Die provozierende Spannung: Wie soll in dem Grunde der Teilbarkeit auf die Erfahrbarkeit der Einmaligkeit der Existenz gefolgert werden? Vergangenes, gegenwärtig, umrissen in revitalisierter Dauer, geschlossener Horizont, Eröffnung, offene Zukunft, ohne Nenner, verrechnet in Gegenwart, die sich ganz wunderbar zusammenpuzzelt? Wie Äpfel und Birnen, in einem Korb, den ich flechte, vielleicht auch wasserdicht?

Diese Ungereimtheit beseitigt das Wort Ursprung. Zugleich verpflastert aber ein überbordender Ursprungsglaube —in ärgster Not hilft Phantasie— unweigerlich all die Auswege die er erfindet mit kantigen Stolpersteinchen. Immer kleiner werdend schneiden sie —als unzählbare Masse eine andere Qualität erreichend— um so besser. Es ist exakt jener Ursprungsgedanke, an dem wir beim Blick in die Sonne immer unsere bloß virtuellen Sandaletten durchscheuern. Reißt jetzt unsere Haut auf oder war es eine Wolkendecke? Aber gut, auch dies ist aufschlußreich will man der Möglichkeit der Entwicklung unseres Denkens nachschleichen.

Wollen wir dem Phänomen eines inneren Bewußtseins als dem der Vorstellung der Dauer und der Kontinuität und damit der Wahrnehmung von Zusammenhang und von Zusammengehörigkeit auf die Spur kommen, so schlingern wir unweigerlich, gründet unsere Recherche einzig in der Annahme bloß virtueller Zeitstellen. Deren Serpentinen einmal beschritten, wird das Denken von Phänomenen der Existenz, als dem eines ‘vollem Daseins’, wird (auch dessen) Existenz selbst —in Anwendung der Wahrheitsfrage auf diese— unweigerlich von Schwierigkeiten eines leicht relationalem Denken verhagelt. Bei mangelnder Bodenhaftung ist dies ‘kritisch’ oder sanftes Gleiten.

Die verwendete Dialektik mag noch so kunstvolles Redewerk flechten wie sie will. Es bleibt dies alles angenommen recht vereinzeltes Stranden. Ergebnisse gründen hier in der Annahme eines vor- bis beiläufigem Anderen, das ‘nicht ich’ ist. Als Enden begegnen sich Bewegungen dorthin —Transzendenz— in der Kleidung des Vorlaufes wie des Beistandes und sei beides noch so selbstversichertes ‘Absolut’, das ganz glaubhaft und logisch Erscheinung ist, die jedes ‘natürliche’ Bewußtsein (Hegel nach Heidegger) auskontert. Dennoch: Individualität ist ja nicht von grundlegendem Übel. Die Freiheit des Willens ebenso.

Einbildungszeit ≠ Wahrnehmungszeit.

In der Annahme dieses Axioms verblaßt der eben angerissene Dissenz. Hier ist ganz elegant mildes Klima. Das Axiom blendet jedes abschließende und entscheidende Statement ab. Wir reden erneut, vielleicht um so intensiver. Jeder in seiner Zeit. In dieser Haut geht niemand und nichts verloren. Wir verabreden uns, wir berühren uns innerhalb des Grundzuges des Axioms.

Ist das Axiom in vollem Umfang gültig, muß Einbildungszeit ahistorisch sein.

Die Ziellinie ist bereits passiert. Immer und wieder. Abwinken und Beifall. Weitere wortreiche Vertauungen von Einbildung sind der Wahrnehmung wie dieser in ihren Zusammenhängen zugehörig. Es bleibt das hoffnungsfrohe Vielleicht einer ‘dialektischen’ Bewegung, die immer unerdenkliche Überraschungen bietet ja sogar fordert.

Es ist hier ganz bewußt nicht von ’Werden’ die Rede. Jenes Wort streut unser Denken sofort in die Frage der Vollendung. Die Vorstellung etwas sei so und so und ganz folglich vollendet oder umgemünzt (Nietzsche), ist als solche aber einzig in der Annahme einer Ursache und einer aus (mit) dieser wirkenden Kraft sinnvoll, die quasi extern —da es jenes geben soll— in Vollendung drängt. Wenn Vollendung Abschluß ist, ist unweigerlich ein Anfang gefordert. Damit ist unwiderstehlich ganz und gar außerhalb gesetzt. Es ist dies als eine Möglichkeit die hier mitwirken muß, nicht mitschwingen kann. Und wo bleibt hier bitte die Souveränität des Anfangs jener Reihe ‘anders’, als auf der Strecke eines sich ‘selbstbewußt werden’ des Denkens?

Aber auch offene Einheiten können vollständig wirken. Sie müssen nicht vollzählig sein. Siehe griechische Tempel oder Skulpturen, die zuerst in Äquivalenzen gedacht sind.

Wenn es denn Vernunft geben soll, so erfährt diese innerhalb des immer bloß behaupteten Axioms als die unglaubliche Möglichkeit des ungebundenen—nicht vorsynchronisierten— Setzens eines Anfanges ihre volle Bedeutung. Vernunft ist Haltung in eben jener Welt eines Vielleicht. Vielleicht ist dies wichtig, vielleicht jenes. War das B nun vor dem A? Ich weiß es nicht wirklich. Ich beginne trotzdem. Auch dies ist schön. Mehr muß hier nicht sein. Jedes organische System handelt mit Vergeßbarkeit. ≠ Vergeßlichkeit. Das ist intelligent.

Vielleicht habe ich etwas vergessen? Eine Idee? Form (Idee) selber ist z.B. als Zeichnung Prozeß. Als solcher in der Zeit kann sie als beides auch ‘ganz immateriell’ nicht übersprungen werden. (Paul Valery) Paul Valery übersetzt zudem das berühmte Paradoxon des Xenon —Achilles und die Schildkröte— in eine Grundbestimmung ‘ menschlich reflektiver’ Existenz. Dem superschnellen Sprinter Intellekt bleibt bei gegebener Zeit jenes Kriechtier ‘Sein’ immer etwas fremd. Schritt um Schritt vermeint er jenes erreicht zu haben. Dieses jedoch erringt zwischenzeitlich erneuten Vorsprung, der sich nie wirklich schließt.

Einbildungszeit ≠ Wahrnehmungszeit. Alles nur Schein?

Innerhalb unseres Sprachgebrauches ist das Wort ‘Einbildung’ anrüchig. Die eingebildete Kuh, der eingebildete Weltraumaufenthalt. Unsere ganz alltäglich angenommen De-Konotationen —wenn es denn solche und nicht anders als Scharniere, als Relais, d.h. als Orientierungshilfen im Dickicht einer unvorhersehbaren Zukunft, wie einer ‘hybriden’ Gegenwart geben soll, und welche Stellenwerte besitzen nochmal Vergangenheit oder Vorvergangenheit?— entspringen, in Bezug auf Einbildung, schlicht unserer Annahme ‘unmöglicher‘ Möglichkeiten, im Sinne von Zielen wie von Meinungen, die es unbedingt zu vermeiden gilt.
Wer läßt sich auf seinen Schritten und Tritten in die vermeintliche Irre schon gerne ertappen? Wer zieht schon ebenso freiwillig wie gerne alle erdenklichen Formen der Peinlichkeit auf sich? Ist andersherum Peinlichkeit aber nicht geradezu der letzte Wert, auf den wir uns gesellschaftlich einigen können? Unser fürsorglicher Sprachgebrauch eilt hier etwas voraus. Ich stelle diese Sorge, wie all die Schwierigkeiten, die hier auf den ersten Blick entstehen zurück. Sie sind Phänomene der Grenzziehung.

Als solche folgen sie jener Verquickung, die sich daraus ergibt, daß sich ja auch Denken —also Wahrnehmung der Wahrnehmung, Bewußtsein von Bewußtheit— einbildet und es irgendwie sein muß, daß wir die Spreu vom Weizen trennen können. Schließlich verlaufen wir uns nicht ständig.

Wenn es denn eine Grenze geben soll,

so verläuft diese entlang eines ‘aktiv verneinten Nichts’ im Sinne des Maurice Merleau-Ponty. In seinem unvollendeten Werk ‘Das Sichtbare und das Unsichtbare’, verwirft Maurice Merleau-Ponty jegliche Idee eines ‘Nichts’ im Sinne von: Hans, ist nicht da, er ist abwesend, dennoch habe ich eine Vorstellung von ihm.

Jener ganz unmathematische Entwurf eines ‘Undings’ verwehrt rigoros jede Vereinnahmung eines Nichts. Er ist Nichts. Er ist Unort, Unsprache: Und man sagt schon zuviel von einem Nichts, sagt man es sei Nichts, da jene Aussage einem Nichts bereits Positivität einflößt. Aber immer sagen wir... Nein. Sprache, ein elektrischer Stromschlag. Wir greifen in ihr wie Pflanzen in das Weltall und ziehen uns zugleich in unsere Wurzeln zurück (Wilhelm von Humboldt). Jede noch so schlüssige Ansage auch eines Nichts (Platon) setzt den Sprung in Sprache, in der sie sich und es dann erfüllt voraus. Nichts. Wenn hier etwas gilt, dann eben jenen Abgrund aufzureißen. Der Tod ist keine Erfahrung des Lebens. Punkt.

Nichts. Nach Maurice Merleau-Ponty folgert mit diesem Grundriss Hyperdialektik. In dieser gibt es keine unverwüstlichen Stellungen. Immer haftet Nichts, als etwas an den Dingen und auch denen der Gedanken. Wie etwas das fehlt, könnte den Dingen etwas fehlen. Gedankliche Klingen, wir kreuzen sie. Immer ist in deren Schärfe eine Weiche, die sich in dem Maße schließt und erhärtet, in dem sie sich aufreißt. Auch Martin Heidegger setzt jenes Nichts. Raunend?

Einbildungszeit ≠ Wahrnehmungszeit

Jenes Axiom ist grundsätzlich gültige Behauptung. Auch ganz intuitiv, als in einer Spanne zwischen wissendem bis unwissendem Wissen.

Das Axiom ist auch rein empirisch nicht aus der Welt zu schaffen.

Physikalisch ist die Unschärfetheorie unbestreitbar. Will man den Aufenthalt eines ‘kleinsten Teilchens’ bestimmen, ergibt sich bezüglich exakter Orts- wie Zeitangaben immer das Ungemach kleinerer Ungereimtheiten.
Biologisch gilt, jedes Bewußtsein, jede Wahrnehmung einer Bewegung erfolgt zeitverzögert dann, wenn die Aktion, wenn die Einbildung einer Handlung bereits im vollen Gange ist.

In dieser Disziplin läßt sich zudem darstellen, inwieweit der synoptische Grundzug neuronaler Felder der Retina, mindest was die Möglichkeit des Feldsehens anbelangt, als zeitgleicher Vorgang mit Welt in sich zeitneutral —im Sinne von nicht durch Außenwelt vorsynchronisiert— ist.

Einbildungszeit ≠ Wahrnehmungszeit
Kunst synchronisiert ≠

Sprache spricht sich. Dies ist uns allen geläufig. Der Groschen des Verstehens fällt immer zeitverzögert. In sehr seltenen Glücksfällen soll er tatsächlich auf der Kante stehen bleiben. Ich sage dann Vielleicht. Vielleicht ist dies Aushalten ja Kunst! Immerhin, nichts hindert mich daran, daß ich mir dieses wünschen darf! Liebe!

Entscheidend ist die offene Setzung des ≠

Dies besagt: Kunst —als jedwede Form, in der wir mit den Möglichkeiten von Welt offenen Handel treiben d.h. uns jene Möglichkeiten und seien es die undenkbarsten wie die unwahrscheinlichsten zuallererst eröffnen im Sinne von erschaffen— synchronisiert sich in sich, wie unser ‘Sein’ in der Welt als volles Dasein, (in sich) ungleich.

Hier kann sich ‘freie’ Kunst von ‘mechanischer’ ebenso scheiden, wie bildende von darstellender und beides von der Fähigkeit einen Tisch zum klingen zu bringen.

Hier ist ebenso der Ort, an dem sich zwischen einem ’Bildschön’, das mich immer alle Möglichkeiten vergessen macht, die in der Erscheinung eines Bildes schlummernd dort verblinden, und einem ‘Vernunftschön’ unterscheiden läßt, das —ganz Verstand— nach Vollständigkeit strebt, die Präsenz aller Anklänge einfordert.

Einrichtungen oder Anlagen sind in der Welt eines ‘Vielleicht’ immer etwas ungemütlich. Sie fordern nach stetiger Verbeheimatung. Aber riechen sie anderen Falls nicht sehr schnell unausstehlich?

Endlich muß hier allen Vorstellungen ein Korb gegeben werden, die behaupten, die Lücke zwischen Kunst und Leben ließe sich kunstvoll schließen. Jeder Versuch dieser Art bewirkt einzig, daß das jeweils eine mit dem jeweils anderen belastet wird.

Einbildungszeit ≠ Wahrnehmungszeit, Kunst synchronisiert ≠
Wer weiß, wie Kunst aussieht, hat vergessen, warum er sie macht.

Finito

Böse Welt. Das Wort Einbildungszeit® ist ein patentrechtlich geschützter Begriff. Dies dient weder dem Gelderwerb, noch dem Prestige, aber der Pflege des Wortes.

Deshalb biete ich anderen bildenden Künstlern an, den Begriff "Einbildungszeit" gemeinsam mit mir weiter aufzuladen und die Website www.einbildungszeit.de mit Beispielen ihres visuellen Wirkens zu bereichern.

Dazu mailen Sie bitte Ihr Bildmaterial als JPG (max. 500 KB) mit der gewünschten Bildtitel sowie Ihrem Vor- und Nachnamen an dietmar.spiller@einbildungszeit.de

Die Werke werden in der Rubrik "Zaungäste" auf www.einbildungszeit.de wie auch in der Ausstellung "Zaungäste" im Oktober 2008 präsentiert.

Eigentlich dreht es sich hier nur um Haltung, die Bewegung in der eben exponierten Spannung, ganz angemessen ist:

Gelassenheit.

Soweit das eben geht.

Mein ganzer Dank gilt den Menschen, die es mir mit ihrer Arbeit, der ich zuhören durfte, ermöglicht haben, daß ich meinen dürftigen Weg des ‘Denkens’ ohne größere Verzweiflung überhaupt gehen konnte. Ohne ihre offenen und immer perfekt recherchierten Angebote, die nie direkte Einsprüche waren, aber immer äußerster Anspruch sind, wären mir meine Überlegungen undenkbar geblieben. Gedankt sei hier auch all den mahnenden Worten, die mich immer wieder daran erinnerten, endlich meine neue Haut aus beschriebenem Papier abzustreifen und doch bitte wieder Bilder auf Leinwand, auf dem Motiv zu malen, oder mindest irgendwie anders, aber visuell tätig zu werden. Das wäre wenigstens verständlich.